the future is present

 

In "The Future is Present" setze ich mich mit den gegenwärtig zu beobachtenden natürlichen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen rund um das Ökosystem Wald auseinander, welche unser zukünftiges Naturverständnis prägen werden. Dass die - zumeist von Menschen gestalteten - Wälder bedroht sind, ist unübersehbar geworden. Die Entwicklung zukunftstauglicher Wälder stellt uns vor ungeahnte Herausforderungen. Unsere eigene Hybris, die Natur nach unserem Gusto gestalten zu wollen, sich also über die Natur zu stellen, scheint uns zum Verhängnis zu werden. „Solastalgie“ macht sich breit - das belastende Gefühl, welches sich einstellt, wenn man die Veränderung bzw. Zerstörung des eigenen Lebensraumes miterlebt.

Können uns da moderne - gänzlich digital erzeugte - Wald-Utopien Trost spenden? Mit zunehmender Digitalisierung bzw. Virtualisierung unseres Lebens scheinen sich auch unsere Naturerfahrungen zu verändern. Dank digitaler Vernetzung können wir bequem in unseren „vier Wänden“ einen Streifzug durch virtuelle Wälder unternehmen, welche die real schwindende Natur scheinbar wieder auferstehen lassen. Neue, technologiebasierte Utopien werden unsere Vorstellungen von Natur erweitern.

 

 Der neunteilige Lentikulardruck "Digital Resurrection" (2023) lässt den Betrachter Zeuge einer Metamorphose des Waldes werden. Je nach Position des Betrachters zeigt sich eine idealtypische - von mir im virtuellen Raum fotografierte - Waldlandschaft oder aber eine Szenerie, in welcher der dichte grüne Wald einer Rodung wich. Dabei suggeriert die Ähnlichkeit der Perspektive beider Landschaftsansichten, dass es sich um „Vorher“ bzw. „Nachher“ - Aufnahmen desselben Waldstücks handelt. Die Fotografie der gerodeten Waldfläche fotografierte ich im Naturpark Taunus; dem Wald, in welchem ich seit Jahren regelmäßig unterwegs bin und nun seit geraumer Zeit die Folgen des Klimawandels deutlich wahrnehme. Der bedrückende Charakter der Fotografie wird noch verstärkt durch die künstlerische Intervention mit oranger Sprayfarbe, eben jener Signalfarbe, die Forstarbeiter verwenden, um zu fällende Bäume zu markieren. Das Orange legt sich als Nebel über die Szenerie und weckt Assoziationen an Waldbrände, welche eine zunehmende Bedrohung der Wälder darstellen.

Die sich vor den Augen der Betrachter vollziehende Metamorphose - von intaktem Wald zur Rodung, von realer zu virtueller Landschaft- vollzieht sich vor dem Hintergrund einer historischen Urwalddarstellung und verweist damit auf die sehr lange und wechselvolle Geschichte der Natur, in der wir Menschen eine vergleichsweise kurze, aber dafür sehr folgenreiche Rolle spielen.

Die Urwalddarstellung aus dem Buch "Die Entdeckung der Natur" erinnert an eine Cyanotypie, jene Technik mit der die englische Botanikerin und Fotografin Anna Atkins ab 1840 ihre Pflanzenstudien für die Nachwelt fotografisch festhielt.

Die Installation macht deutlich, dass sich unser Naturbild seit jeher zwischen Fiktion und Realität bewegt hat.

 

 

In der Wandinstallation "Digital Echos, Solid Relicts" verweist eine aus 3D-Druck Filament gefertigte „Wireframe“-Darstellung eines Baumstammes auf die Schöpfung virtueller Landschaften. Mittels Photogrammetrie werden virtuelle dreidimensionale Abbilder von Natur erstellt, die dann Teil digitaler Landschaften werden. Das von mir erstellte 3D-Abbild eines realen Baumstumpfs, welches vom 3D-Programm u.a. als Netzstruktur dargestellt wird, kann als digitales Echo der realen Natur betrachtet werden. 

 

 

Neben der digitalen Rekonstruktion von Natur untersuchte ich künstlerisch die Möglichkeit der realen Rekonstruktion bzw. Simulation von natürlichen Einheiten. Inspiriert von der japanischen Kintsugi-Praxis, bei der als Zeichen der Wertschätzung zerbrochenen Dingen durch sichtbare Reparatur neues Leben eingehaucht wird, wurde die baumähnliche Skulptur "Reconnecting With You" aus dem Grünschnitt eines Korkenzieherhaselnussbaumes gebaut. Die orangefarbenen Bruch- bzw. Verbindungsstellen verweisen auf die Unvollkommenheit des Versuches und damit auf die Begrenztheit des Menschen, jenes, was scheinbar so mühelos in der Natur entsteht, wiederherzustellen. Die auf die Baumrekonstruktion projizierte Mikroskopaufnahme der Sprossachse des gleichen Baumes, verweist auf die komplexe Struktur des Baumes und die damit einhergehenden natürlichen Prozesse, die sein Leben und Wachsen erst ermöglichen.

 

 

Die Rauminstallation "Virtual Verdure“ ist das Ergebnis meiner künstlerischen Auseinandersetzung mit virtuellen Waldlandschaften. Dabei interessierten mich vorallem die Fragen: Wie verändert die Digitalisierung sowohl unsere Vorstellungen von Landschaft als auch unser Naturverständnis? Und warum digitalisieren wir überhaupt Natur?

Virtuelle Waldlandschaften werden nicht nur für Computerspiele programmiert. Derzeit werden digitale Zwillinge von realen Wäldern „gebaut“, um letztere besser untersuchen zu können. Für meine Installation experimentierte ich mit verschiedenen Techniken digitaler Bildgebungsverfahren, um sowohl Erfahrungen als Nutzer virtueller Waldlandschaften zu sammeln als auch als Produzent. Dazu gehörten InGame Photography, das Fotografieren in Videospielen als auch Photogrammetrie, für die aus vielen Einzelfotografien ein virtuelles Landschaftsmodell erstellt wird; und dem 3D-Druck virtueller Pflanzenmodelle.

Indem wir die Natur digitalisieren, können wir sie potentiell „unsterblich“ machen. An „Digital Twins“ von Wäldern arbeiten bereits verschiedene Institutionen zu Forschungszwecken. Ihnen geht es vornehmlich darum, die komplexen Prozesse in diesen Biotopen zu verstehen und zu überwachen. Dafür generieren sie digitale Kopien realer Waldflächen.

Wie wäre es nun, wenn wir zukünftig in der Lage wären, biologische Zellstrukturen mit entsprechenden 3D-Druckern zu fertigen, um damit Digital Twins von Vegetation wieder in eine physische Gestalt zu überführen? Diesem Gedankenexperiment ging ich nach, indem ich 3D-Modelle virtueller Pflanze, welche ausschließlich für den Einsatz im digitalen Raum vorgesehen waren, mit einem biobasierten Material 3D drucken ließ. Wie das Ergebnis des Experiments "(not so) Virtual Life" zeigt, erfordert dieser technologische "Wachstumsprozess" im Gegensatz zum natürlichen, die Konstruktion eines an Luftwurzeln erinnernden Stützapparates, der die filigrane Pflanzenanatomie erst ermöglicht. Wird diese Art von Leben, das nicht wächst, sich nicht fortpflanzt oder gar in der Natur existiert, eine Utopie bleiben?

Für "High Speed Nature" fotografierte ich eine Waldlandschaft in einem Computerspiel und scannte den Fotodruck danach ein. Während des Scanprozesses provozierte ich durch Interventionen Bildstörungen, die auf den technischen Ursprung der Landschaft verweisen. Um in virtuelle Landschaften eintauchen zu können, aber auch zu deren Programmierung bedarf es Datennetzwerke. Darauf deuten zum einen die Glasfaserkabel, welche die Waldabbildung durchziehen. Zum anderen sehen wir Aufnahmen von Datenkabeln in unserer realen Umwelt, die während ihrer Verlegung noch sichtbar sind, im Zuge ihrer Vernetzung aber im Erdreich bzw. hinter Mauern verschwinden. Im Laufe der Jahre bildet sich so ein von uns nicht wahrnehmbares Informations- bzw. Datennetzwerk parallel zum Wurzelwerk unserer pflanzlichen Umgebung - eine Vernetzung von Natur und

Menschgemachtem.